Beitrag des Monats

Beitrag des Monats Januar 2020

Das Labyrinth

von Luna Heinrich, 1B

An einem trüben Freitagabend begann eine Geschichte. Nicht irgendeine, sondern die meiner drei Freundinnen und meine. Wir hatten jede eine Stärke, aber auch eine Schwäche.

Anna hatte blasse Haut, grüne Augen und ihre Haare immer zu einem französischen Zopf geflochten. Sie beherrschte sieben Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Schwedisch und Indonesisch. Sie war sehr realistisch veranlagt und glaubte nicht an Magie, was sie später bereuen würde.

Ella hatte rotes Haar, Sommersprossen und gebräunte Haut. Sie war der Typ, der als letztes die Party verließ und war das Band, das alle miteinander verknüpfte. Sie konnte aber auch stur sein, sehr stur sogar.

Lucy war eine Tierliebhaberin. Ihr lagen Familie und Freundschaft sehr am Herzen und sie würde alles dafür tun, alles. Sie hatte blondes, kurzes Haar und einen hellen Teint.

Luna hatte eine dunkle Hautfarbe und braune Augen, die meist hinter einem dicken Fantasybuch hervorlugten. Sie kannte sich gut mit Magie aus und nutzte dieses Wissen, was ihr manchmal auch zum Verhängnis wurde, denn ab und zu konnte sie die Realität nicht von ihrer Fantasiewelt unterscheiden. Sie trug sozusagen „ihre rosarote Brille“.

„Also, was machen wir jetzt?“, fragte Ella ungeduldig. Sie hatte Luna, Lucy und Anna zu einer kleinen Übernachtungsparty eingeladen, doch es lief nicht ganz nach ihrem Plan. Sie hatte vorgehabt, einen kleinen Ausflug zu machen. Damit meine ich, sie wollte ins Labyrinth des verlassenen Nachbarhauses. Das hatte sie schon lange vorgehabt, seitdem sie das lose Brett vom Zaun, der das Nachbarhaus und ihr Haus trennte, gefunden hatte. Doch es fiel wortwörtlich ins Wasser, denn es schüttete so stark, dass keiner Lust hatte, hinauszugehen. Selbst Ella gab schließlich zu, dass es unmöglich war, hinauszugehen. Aber da Ella ihre Freundinnen kannte und wusste, dass sie selbst bei gutem Wetter keine Lust hätten, das Haus zu verlassen und da ihr auch bewusst war, dass es irgendwann mit dem Regnen aufhören musste, wusste sie, was zu tun war.

„Wie wäre es mit Wahl, Wahrheit oder Pflicht?“, schlug Ella also vor. Sie musste ein Grinsen unterdrücken. „Einverstanden“, murmelte Anna. Sie hatte tiefe Augenringe, weil sie nach ihren eigenen Angaben, einfach nicht schlafen konnte. „Mhmm“, machte Luna hinter einem Buch versteckt. „Ja, gerne“, nickte Lucy. Sie war einfach viel zu leicht zu überreden, so dass es fast keinen Spaß machte, dachte Ella grinsend. Wie gern hätte sie ihre Spitzenidee geteilt, doch sie beherrschte sich. Schließlich war sie einfach genial, ihre Idee.

„So, wer von euch will beginnen?“, fragte Ella heimtückisch. Alle, auch Luna, starrten sie an. „Was? Ich dachte, ihr könntet auch mal beginnen“, sagte sie achselzuckend. Lucy konnte sich als Erste fangen. „Ja, ja, okay“, sagte sie, während die anderen Ella nur mit offenem Mund anstarrten, denn Ella hatte bisher immer begonnen.

„Sie ist verrückt“, stellte Anna fest, „einfach verrückt!“ Ella lachte kurz. „Nein, bin ich nicht“, sagte sie seltsam ruhig, dann kehrte Stille ein… „Okay, fangen wir jetzt an?“, unterbrach Lucy die Stille. „Ja,“, antwortete Luna geistesabwesend und klappte das Buch zu. Und sie fingen an: Sie fragten oder sagten Sachen, wie „Hast du in diesem Jahr jemals freiwillig ein Buch gelesen?“ (Luna) oder „Entweder du schreist „Hallo, Welt!“ oder du singst ein Lied (Lucy). So ging es eine Weile, bis Luna von Ella die entscheidende Aufgabe aufgetragen bekam. (Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen.) „Du sollst mit mir und den anderen, wenn sie wollen,…“ stammelte Ella. „Komm zum Punkt!“, unterbrach Anna. „Ja, ja“, Ella fiel es schwer, wieder Anschluss zu finden. „Wo waren wir gerade? Aja, also, du sollst ins Labyrinth gehen.“ Anna stockte der Atem, Luna hustete, doch Ella ließ sich nicht beirren. „Ja, genau!“, sagte sie so eindringlich, dass Luna aufhörte zu husten. „Wie bitte? Ich soll alleine dorthin gehen?“, fragte Luna empört. „Das habe ich nie behauptet“, gab Ella gespielt gekränkt von sich. „Nein, wir gehen mit“, sagte Ella und schaute Anna und Lucy so eindringlich an, wie sie vorher zu Luna gesprochen hatte. Anna und Lucy tauschten einen Blick. „Na gut“, murrte Anna, so dass es fast wie ein Brummen klang.

„Es ist so kalt“, rief Luna, denn der Wind heulte so laut, inklusive des Höllenlärms, den die Autos veranstalteten, doch das scherte wohl niemanden. Alle zitterten, obwohl sie Haube, Handschuhe, Stiefel, Schal, Weste und Winterjacke trugen. Es war trotzdem kalt. Sie überquerten mit großen Schritten den Garten, der in der stockdunklen Nacht unheimlich wirkte. Zwar hatte Ella vorgesorgt und für jeden eine Taschenlampe gekauft, aber jeder kam es dennoch dunkel vor. „Das ist, als wären Dementoren hier“, zitterte Luna. „Was sind Dementoren?“, fragte Lucy interessiert. Sie war wohl damit ziemlich die Einzige, die das im Augenblick kümmerte. „In der Nähe eines Dementors ist es so, als wäre all dein Glück ausgesaugt und Verzweiflung sowie Hoffnungslosigkeit breiten sich aus. Und es wird kalt, sehr kalt“, antwortete Luna, als hätte sie es mit einem Kleinkind zu tun. Irritiert drehte Lucy sich um. „Na, das passt so ziemlich haargenau auf unsere Lage“, meinte Ella. „Das Letzte, was wir brauchen, ist dein Gefasel von Magie, Luna!“, sagte Anna. „Hey, sei nicht so gemein, Anna“, ermahnte Lucy entrüstet und bevor Anna etwas erwidern konnte, waren sie am Ziel.

„Iiiiii“, quiekte Ella, als sie im Labyrinth waren. „Krass“, brachte Luna hervor. Lucy und Anna konnten nur staunen. Das Labyrinth schien, wenn man erst drinnen war, viel größer oder es war einfach größer. Als Luna begann loszugehen, folgten alle ihr eilig. Niemand wollte sich hier alleine verirren. Es kam ihnen so vor, als wären sie schon Stunden hier drinnen, aber sie konnten noch keine Stunde hier sein. Die Büsche wuchsen so hoch, dass man nicht direkt sagen konnte, ob es Morgen oder Nacht war. Das Gestrüpp wuchs so eng, dass man nicht hindurchsehen konnte, egal, wie gut man zu sehen vermochte. Die Mädchen hatten sich schon seit Langem verirrt, als sie es rascheln hörten. Sie blieben stehen. Es raschelte erneut. Die Mädchen versuchten zu ergründen, woher das Rascheln kam und als es zum drittenmal raschelte, wussten sie, woher es kam. Von hinten: „Tapp, tapp.“ Etwas ging auf sie zu. Luna flüsterte, ohne sich zu bewegen: „Auf „Los“ drehen wir uns um.“ Ohne auf Antworten zu warten, rief sie  so laut es ihre Stimme zuließ: „LOS!“ Alle drehten sich um. Sie sahen ein zirka dreißig Zentimeter hohes Wesen mit übernatürlich großem Kopf und harten knorpeligen Füßen. Luna seufzte vor Erleichterung, und dann, als begriffe sie endlich, weiteten sich ihre Augen. Sie war fassungslos und die anderen verstanden nicht, warum. „O mein Gott“, hauchte sie und murmelte etwas Unverständliches, als Anna rief: „Luna! Hallo!“ Sie winkte vor Lunas Gesicht herum. „Was ist?“, fragte diese. „Weißt du, was das ist?“ Anna wollte auf as Wesen zeigen, doch es war fort. Als Luna begriff, dass ihre Freundinnen die magische Welt nicht kannten und nur von Einhörnern und Feen gehört hatten, erklärte sie: „Nun, das, meine Damen, war ein Gnom.“

„Ein was, bitte?“, fragte Lucy leicht verwirrt. „Ich glaube, ich habe schon mal davon gehört“, sagte Ella nachdenklich. „Ein Gnom ist eine in ganz Nordeuropa und Nordamerika verbreitete G-a-r-t-e-n-p-l-a-g-e. Ihr habt den Gnom schon gesehen, also lass ich die Beschreibung aus. Um einen Gnom aus dem Garten zu vertreiben, dreht man ihn schnell im Kreis, bis ihm schwindlig wird, dann schleudert man ihn über die Gartenmauer“, erläuterte Luna. „WAS?“, empörte sich Lucy. Jetzt setzte wieder einmal ihr großes Herz ein. „Keine Sorge, das tut denen nicht weh“, beruhigte Luna Lucy. „Du willst mir doch nicht weismachen, dass es Fabelwesen gibt!“, spottete Anna. Luna wirkte einen Moment verärgert, setzte dann aber ein Lächeln auf und begann zu lachen, als hätte jemand einen guten Witz erzählt. Luna fiel auf den Boden und krümmte sich vor Lachen. Als sie sich wieder beruhigt hatte, hievte Lucy mit Hilfe von Ella Luna hoch. Sie gingen nun schweigend weiter, jede in ihre Gedanken versunken. Ab und zu kicherte Luna oder sie warf Anna einen belustigten Blick zu, während Anna zutiefst beleidigt war und sie selbst nicht mal wusste, warum. Lucy und Ella dagegen waren ganz in Gedanken. Sie gingen lange herum und niemand bemerkte das goldene Ding in der Ferne, bis man sah, was da stand.

Diesmal müsst ihr nicht warten, bis Luna es erklärt, ich sag‘ euch, was das war: eine Sphinx. Ja, es ist das, was ihr denkt: eine Sphinx. Braucht ihr eine Erklärung? Gut: Die ägyptische Sphinx hat einen Menschenkopf und einen Löwenkörper. Schon seit über tausend Jahren wird sie von Hexen und Zauberern eingesetzt, um in unserem Fall einen Ausgang zu schützen. Die äußerst kluge Sphinx ergeht sich gern in Rätseln und Ratesprüchen.

„Was ist das?“, fragte Ella beunruhigt, als sie fast bei der Sphinx angekommen waren und Luna erklärte es ihr. Als sie fertig war, besprachen alle miteinander, was sie tun sollten, und dann, als sie einen Entschluss gefasst hatten, beruhigten sich alle wieder. Sie hatten geplant, zur Sphinx zu gehen und zu hören, was sie zu sagen hätte, was sie auch taten. Sobald sie stehenblieben, begann die Sphinx mit tiefer, heiserer Stimme: „Wenn ihr aus dem Labyrinth entkommen wollt, kommt ihr hier am schnellsten heraus.“ Die Sphinx wies ihnen eine Richtung. „Also…würdest du uns bitte vorbeilassen?“, fragte Lucy. Sie wusste die Antwort darauf schon. „Nein“, antwortete die Sphinx, „erst, wenn du mein Rätsel gelöst hast. Antworte beim ersten Versuch richtig, und ich lasse euch vorbei. Antworte falsch, und dich werde euch angreifen. Schweig, und ich werde euch unversehrt zurückweichen lassen.“ „Also muss nur eine das Rätsel lösen?“, folgerte Luna, ohne geringste Anzeichen von Angst. Man sah ihr ein gewisses vorsichtiges Interesse an, sonst aber keine Furcht. Die Sphinx lächelte: „Nur eine. Egel, welche.“ Alle drehten sich zu Luna. „Ich mach es“, sagte Luna selbstbewusst. Die Sphinx sprach: „Erst, denk an den Menschen, der immer lügt und damit betrügt. Doch, um das Ganze nicht zu verwässern, nimm von dem Wort nur die ersten drei Lettern. Nun denk an das Doppelte des Gewinns, den Anfang von nichts und die Mitte des Sinns. Und schließlich ein Laut, ein Wörtchen nicht ganz, das du auch jetzt von dir hören kannst. Nun füg sie zusammen, denn dann wirst du wissen, welches Geschöpf du niemals küssen willst.“

Luna starrte sie mit offenem Mund an. „Könnte ich es noch einmal hören…ein wenig langsamer?“, fragte sie zaghaft. Die Sphinx blinzelte Luna zu, lächelte und wiederholte das Rätsel. „Wenn ich alles löse, bekomme ich am Schluss den Namen eines Geschöpfs, das ich nicht küssen will?“ Die Sphinx lächelte nur ihr geheimnisvolles Lächeln. Luna deutete es als Zustimmung. Sie überlegte hin und her. Es gab eine Menge Tiere, die sie nicht küssen wollte. Als erstes fiel ihr ein Zombie ein, aber das war ja kein Tier, deshalb ahnte sie, dass das nicht die richtige Lösung war. Sie musste es versuchen und die einzelnen Teile des Rätsels lösen. „Ein Mensch, der immer lügt…“, murmelte Luna und starrte die Sphinx an. „Der Geheimnisse sucht…ähm…vielleicht ein Agent. Ne, warte mal! Ein Spion! Und nur die ersten drei Buchstaben? Ich komm darauf zurück…Könntest du mir bitte noch einmal das nächste Rätsel aufsagen?“ Die Sphinx wiederholte den zweiten Teil des Gedichts. „Das Doppelte des Gewinns“, murmelte Luna, „hmm…keine Ahnung…der Anfang von nichts…ne…Könnte ich den letzten Teil noch einmal hören?“ Die Sphinx sagte erneut die letzten vier Verse auf. „Ein Laut, ein Wörtchen nicht ganz, das du jetzt auch von dir hören kannst!“, wiederholte Luna. „Hmm…ne, das müsste…ne…warte mal – ne! „NE“ ist ein Laut!“

Die Sphinx lächelte sie an. „Ein Geschöpf, das ich nicht küssen möchte…eine Spinne!“, rief Luna. Die Sphinx schenkte ihr ein breites Lächeln. Sie erhob sich, streckte die Vorderbeine aus und wich dann zur Seite, um die Mädchen vorbeizulassen. Alle jubelten. Dann begannen sie zu laufen, so schnell wie in ihrem ganzen Leben noch nicht. Sie preschten voran und hatten jegliches Zeitgefühl verloren. Und dann waren sie vor einem Tor, einem gewaltigen, das aussah wie das des verlassenen Nachbarhauses. Ella öffnete die Tür, doch statt in das Haus kommen, waren die Mädchen dort, wo ihr Abenteuer begonnen hatte. Im Garten von Ella. Lucy sagte erleichtert: „Nie wieder!“

 

Die Erzählungen von Harry Potter (J.K. Rowling) dienten als Inspiration für diese Geschichte.

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